»Von Königskindern und anderen«

Eine Entdeckung: eindrucksvolle Porträt- und Landschaftsaufnahmen des Dorf- und Wanderphotographen Friedrich Pöhler in Wilhelmsdorf aus den Jahren 1909/10   

Bis heute weiß niemand, woher der Wanderphotograph Friedrich Pöhler 1909 ins oberschwäbische Wilhelmsdorf gekommen ist, warum er sich ausgerechnet in dieser streng pietistischen Brüdergemeinde mitten in einem ebenso streng katholischen Umland ein photographisches Atelier eingerichtet hat und wohin er nach weniger als zwei Jahren Sesshaftigkeit weitergezogen ist. Nicht einmal der Wert seines Wilhelmsdorfer photographischen Nachlasses wurde, als man die rund 350 Glasplattennegative vor wenigen Jahren gefunden hat, sofort erkannt. Umso überraschter war man, als die inzwischen im Keller eines Antiquitätenhändlers gelagerten Aufnahmen endlich doch genauer betrachtet wurden. Sie sind nämlich weit mehr als nur ein Fund alter Photographien für den nostalgischen Blick. Pöhler war Meister und Künstler in seiner Profession, er schuf bestimme, bis heute nachwirkende Bildtraditionen und hielt ambitioniert die Lebensformen der Wilhelmsdorfer und ihrer Nachbarn fest. Vor allem aber sind sie eine Dokumentation, die ihresgleichen sucht, eben wegen der gravierenden Unterschiede zwischen den Menschen, die auf den Photographien sichtbar werden.

Die Textautoren Anna M. Eifer-Körnig, Andreas Gestrich, Martin Rexer und Arnold Stadler versuchen - jeweils von ihrem ganz speziellen Blickpunkt aus unter Berücksichtigung der Wahrnehmungsästhetik oder historisch, kulturwissenschaftlich und literarisch -, den Zugang zu dem facettenreichen Material zu differenzieren und den zeitgeschichtlichen Hintergrund zu erhellen.