»Nachbarn, Gemeindegenossen und die anderen Minderheiten und Sondergruppen im Südwesten des Reichs während der Frühen Neuzeit«

Holenstein, André/Ullmann, Sabine (Hg.):
»Nachbarn, Gemeindegenossen und die anderen Minderheiten und Sondergruppen im Südwesten des Reichs während der Frühen Neuzeit« 
ISBN 3-928471-48-1, 368 S., 1 Farbtafel, 1 Karte, 39,00 EUR 

Seit dem späteren 16. Jahrhundert waren die Landgemeinden als Folge der Konsolidierung des Territorialstaates, der sozialen Differenzierung der Bevölkerung, der Konfessionalisierung und der dadurch ausgelösten Migrationsbewegungen einem erhöhten politischen, sozialen und wirtschaftlichen Druck ausgesetzt, der ihre Integrationskraft erheblich belastete. Die gezielte Peuplierungspolitik der Herrschaft brachte ›Fremde‹ in die Dörfer. So entstanden etwa die sog. Judendörfer oder Orte, wo die aus Frankreich vertriebenen Hugenotten Zuflucht fanden. Die Hauptrolle in der frühneuzeitlichen Fremdenpolitik spielten die Gemeinden, die letztlich bestimmten, wer als Fremder oder als Einheimischer galt, auch wenn die Obrigkeiten in der Frühen Neuzeit zunehmend versuchten, auf dem Wege der Policey-Gesetzgebung und der Verwaltung die Entscheidungen an sich zu ziehen.

Angesichts der Diskrepanz zwischen einer relativ weit fortgeschrittenen Theoriebildung und dem Mangel an empirischen Untersuchungen in der Randgruppen- bzw. Minderheitenforschung, liegt der Schwerpunkt der Beiträge zu diesem Band auf der gemeindlichen Praxis im Umgang mit Minderheiten. Dieser Ansatz ermöglicht es auch, kommunale Ordnungs- und Wertvorstellungen und deren Wirksamkeit im dörflichen Alltag in den Blick zu nehmen. Neben den Ausschließungs- und Abgrenzungstendenzen werden dabei auch die Problemlösungen in den Gemeinden beschrieben, die ein Zusammen- bzw. Nebeneinanderleben von Mehrheiten und Minderheiten ermöglichten.

Die hier untersuchten Sondergruppen unterschieden sich in vielfältiger Weise von der jeweiligen Mehrheit: die Differenz konnte in der Konfession begründet sein, sie konnte aus dem besonderen Nahrungserwerb erwachsen, der sich von der traditionellen Agrarwirtschaft abhob oder auf einer besonderen persönlichen Rechtsstellung beruhen. In den Gemeinden, in denen sie lebten, waren die Angehörigen der Sondergruppen denn auch keineswegs immer Fremde, sie waren nicht in jedem Fall in der Minderheit und sie zählten auch nicht zwingend zur Unterschicht.

Gerade der kleinräumige Südwesten des Reiches mit dem charakteristischen Ausschnitt Oberschwaben bietet sich in mehrerlei Hinsicht als Untersuchungsraum für diese Themenstellung an. Die vielfach gegliederten territorialen Verhältnisse der Region bildeten eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung segmentierter Kleingesellschaften. Sie sorgten für soziale und konfessionelle Vielfalt. Parallele Regierungs- und Verwaltungsmaßnahmen der zahlreichen adeligen, geistlichen und reichsstädtischen Obrigkeiten führten zu sehr komplexen Sozialstrukturen. Die Besonderheit Oberschwabens liegt aber nicht nur in der Vielzahl der politischen Einheiten, sondern auch in der Dynamik, die diese relativ hohe Dichte benachbarter Obrigkeiten entfalten konnte.