»Die Mediatisierung der obeschwäbischen Reichsstädte im europäischen Kontext«

Peter Blickle / Andreas Schmauder (Hg.):
»Die Mediatisierung der obeschwäbischen Reichsstädte im europäischen Kontext« 
Oberschwaben - Geschichte und Kultur, Bd. 11
ISBN 3-928471-38-4, Leinen, 304 S., 9 Abb., 39,00 EUR (Preis für Mitglieder 28 EUR)

Die Mediatisierung vor 200 Jahren ließ die Reichsstädte als "Miniatur-Staaten" von der politischen Landkarte verschwinden. Doch auch im Inneren waren die kommunalen Gebilde einem grundlegenden Veränderungsprozeß unterworfen: Verfassung und Verwaltung, Kultur und Lebenswelt, bürgerliche Eliten und das bürgerliche Selbstverständnis veränderten sich in gravierender Weise. Oberschwaben gehört zu jenen Regionen Deutschlands, die von der Säkularisation und der Mediatisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts besonders stark betroffen waren. Für die oberschwäbischen Reichsstädte bedeutete das Jahr 1803 das Ende ihrer bisherigen politischen Autonomie im Rahmen der Reichsverfassung.

Die Mediatisierung der Reichsstädte folgt weniger der Logik ihrer eigenen inneren Entwicklung, obschon der kulturgeschichtliche Befund einen Niedergang der Reichsstädte seit dem 17. Jahrhundert nahe legen könnte, sondern ist Folge einer europäischen Konstellation, die durch die Französische Revolution und die napoleonische Herrschaft in Europa geschaffen wurde. Folglich behandelt der Band nicht nur die Reichsstädte allgemein oder an den Fallbeispielen Ulm, Ravensburg, Biberach, Kempten, Lindau und Rottweil, sondern nimmt auch solche europäische Länder in den Blick, die sich, hierin dem Reich ähnlich, durch Dichte und Bedeutung ihrer Städte auszeichneten, wie die Schweiz und die Niederlande. Damit sollte durch den Vergleich die Besonderheit der Mediatisierung der oberschwäbischen Reichsstädte schärfer erfaßt werden. Im Zuge der Mediatisierung veränderte sich aber auch der rechtliche und politische Status ehemaliger Landstädte in Oberschwaben erheblich, wie die Beispiele Waldsee und Ehingen zeigen. Der staatliche Souveränitätsanspruch duldete keine autonomen Korporationen in Form von Gebietskörperschaften, wie sie überall in Europa seit dem Spätmittelalter in unterschiedlicher Ausprägung bestanden hatten. Das belegten die Beispiele aus Österreich, die auf "Mediatisierungsprozesse" in Städten Vorarlbergs und Südtirols zur Zeit des Absolutismus aufmerksam machten. Die Untersuchung der wechselvollen Schicksale der französischen Städte im Verlauf der französischen Revolution hat gezeigt, daß es für einen kurzen Augenblick in der Geschichte Frankreichs den Anschein hatte, als könne sich die aus der Revolution geborene Republik in 40.000 Gemeinden konstituieren. Ob die Mediatisierung der Reichsstädte und die skizzierten verwandten Vorgänge als Schlußpunkt einer alteuropäischen Geschichte gewertet müssen oder ob die alteuropäische Stadt beziehungsweise die alteuropäische Kommune die theoretischen Konzepte geprägt hat, auf die sich der moderne Staat stützt, ist eine Frage, die dem Thema seine politische Relevanz für die Gegenwart sichert. Grund genug, dass 17 Autorinnen und Autoren mit dem vorliegenden Band eine Bestandsaufnahme vorgenommen haben.

"Mediatisierung" ist ein eingeführter Begriff für den hier behandelten Vorgang, völlig befriedigend ist er nicht, einerseits wegen der notwendigen umständlichen Differenzierung zwischen Mediatisierung des Adels und Mediatisierung der Städte, andererseits weil er die politische Stoßrichtung nur bedingt abbilden kann - die funktionale Reduzierung der Städte auf nachgeordnete staatliche Behörden. Deswegen wurde ein begrifflicher Wechsel in Vorschlag gebracht - "Munizipalisierung". Säkularisierung (Kirche), Mediatisierung (Adel) und Munizipalisierung (Städte) wären jene drei Aspekte des nämlichen Vorgangs, der zum Ende des Alten Reiches führte. Der Begriff wurde in vielen Beiträgen aufgenommen, getestet und auch als brauchbar eingestuft, er ist aber bis jetzt zweifellos theoretisch nicht so gut durchgearbeitet, um im Titel den Begriff Mediatisierung zu opfern.