»Geistliche Staaten in Oberdeutschland im Rahmen der Reichsverfassung«

Wolfgang Wüst (Hg.):
»Geistliche Staaten in Oberdeutschland im Rahmen der Reichsverfassung« 
Kultur - Verfassung - Wirtschaft - Gesellschaft
Ansätze zu einer Neubewertung
Oberschwaben - Geschichte und Kultur, Bd. 10
ISBN 3-928471-49-X, Leinen, ca. 450 S., 20 Abb., 39,00 EUR

Geistliche Staaten prägten bis zur Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts wie kaum ein anderer Herrschaftstyp die politische, kulturelle und ökonomische Landkarte Schwabens. Zwar können sie nicht unbedingt als "Säulen" des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bezeichnet werden, doch bildeten sie die regionale Basis für den Überbau des Alten Reiches im deutschen Südwesten. Dies zeigt sich bereits sehr deutlich durch einen Blick auf ihr Steueraufkommen für Kaiser und Reich, durch die weite Öffnung von Kirchenpfründen für den Reichsadel, durch die Mitwirkung an den höchsten Reichsgerichten oder durch die besondere Loyalität der geistlichen Staaten zum schützenden Reichsverband, auf den sie als unbewehrte Länder besonders vertrauten.

Noch wichtiger ist aber wohl der Hinweis auf strukturelle Eigenarten der Klöster und Stifte. Im Rahmen des Alten Reiches stellen sie einen Staatstyp eigener Prägung dar: Wahlstaaten ohne eine langfristig etablierte Dynastie im Fürstenamt, politische Gebilde, in denen ein fein differenzierter Umgang mit der Macht gepflegt wurde - geprägt durch herrschaftsbeschränkende Wahlkapitulationen und den Zwang zur steten mühsamen Suche nach Kompromissen in Kapiteln, Konventen und Kollegialorganen.

Diese Strukturen hätten dem Reich als Ganzem durchaus in seiner Verfassung zum Modell dienen können. Doch nach der Säkularisation gerieten die geistlichen Staaten entweder überhaupt in Vergessenheit oder ihre Leistung wurde als Folge der negativen Bewertung des für unregierbar gehaltenen Alten Reiches unter neuen, nationalstaatlichen Vorzeichen im 19. und 20. Jahrhundert verkannt. Diesem Geschichtsbild folgend, befanden sie sich scheinbar schon lange vor der Säkularisation als "überflüssige" Gebilde einer verlorenen Welt in einer Legitimationskrise und wurden in der historischen Wertung in weitaus stärkerem Maße als andere Glieder des Alten Reiches mit dem Vorwurf gesellschaftlicher und ideologischer Rückständigkeit stigmatisiert. Die grundlegende Frage, ob sie unter grenzüberschreitenden Aspekten überhaupt eine eigenständige, geschweige denn eine einheitliche Staatengruppe bildeten, blieb dabei meist unberücksichtigt.

Ein solcher - regional und zeitlich noch zu differenzierender, gegebenenfalls auch zu widerlegender - "Negativbefund" wirft generell die Frage nach der Überprüfung geistlich-staatlicher Wesensbestimmung auf. Eine innere Bestandsaufnahme, wie sie in diesem Band von 14 Autoren vorgenommen wird, tut also Not in der Germania Sacra.