»Verwickelte Verhältnisse«

Maria E. Gründig:
»Verwickelte Verhältnisse« 
Folgen der Bikonfessionalität im Biberach des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts
Oberschwaben - Geschichte und Kultur, Bd. 9
ISBN 3-928471-45-7, Leinen, 364 S., 50 Abb., 39,00 EUR 

Für die Menschen in Biberach war die politische Neuordnung nach 1802 mit dem Verlust reichsstädtischer Unabhängigkeit und der Eingliederung in den württembergischen Staat ungleich gewöhnungsbedürftiger als für die Bürger anderer ehemaliger Reichsstädte. Hier, in Biberach, existierten seit langem zwei Bürgergruppen unterschiedlicher Konfession, die die Macht in der Stadt "paritätisch" organisiert hatten und an den alten und in ihren Augen bewährten Verhaltensweisen festhielten, so lange es nur ging.

Obgleich Württemberg diese Biberacher Form des "Politikmanagements" bald beendete, verblassten die konfessionellen Denkmuster nur langsam, da sie nicht nur religiöse Motive hatten, sondern seit der frühen Neuzeit immer stärker auch in den sozial-ökonomischen Strukturen der Stadt verankert waren. So spielten sie trotz zunehmender Säkularisierung der Gesellschaft sogar noch im 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle.

Der Hinweis auf die "konfessionellen Sonderbedingungen" ließ sich nach 1802 auch politisch instrumentalisieren. Mit der Drohung, dass der "konfessionelle Friede" ernsthaft gefährdet sei, falls die Staats- oder Kirchenleitungen den besonderen Verhältnissen des bikonfessionellen Biberach nicht gerecht würden, ließen sich manche Ausnahmeregelungen erreichen. So gesehen kamen die "verwickelten Verhältnisse" der Stadt den Biberachern durchaus entgegen. Andererseits konnten sie aber auch zur Belastung für die Bürger werden, wenn es von außen kommenden Kräften gelang, unter den Biberachern religiöse Konflikte zu schüren und sie "medienwirksam" politisch auszunutzen. Beispielhaft dafür ist der Fall des katholischen Dekans Kautzer, der 1845 gemischtkonfessionellen Brautpaaren die Trauung verweigerte und damit der Stadt eine zweifelhafte Bekanntheit verschaffte. Die Bürgerschaft begann bereits, sich konfessionell zu polarisieren und verfeindete Blöcke zu bilden, erkannte aber bald mehrheitlich, dass sie von externen Kräften für fremde (kirchliche und politische) Interessen instrumentalisiert wurde, und änderte ihr Verhalten.

Biberach ging künftig in vielem einen Sonderweg. Vorgaben von außen - gleich ob von der württembergischen Regierung oder von den Kirchenleitungen in Stuttgart und Rottenburg -  wurden nur zögerlich übernommen, gelegentlich auch abgewehrt. Länger als andere hielten die Biberacher an demokratischen und liberalen Bestrebungen fest. Ultramontanismus und politischer Katholizismus, aber auch betont württembergisch-protestantische Positionen setzten sich hier erst relativ spät und vergleichsweise schwach durch.

Als Ergebnis einer über Jahrhunderte geübten primären Orientierung an innerem sozialem Frieden und darauf beruhender wirtschaftlicher Stabilität entwickelten die Biberacher ein gewisses Maß an konfessionsübergreifender Solidarität - sicherlich noch keine Ökumene, aber immerhin eine Art friedlicher Koexistenz.